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Lesen wider das Vergessen

Fünf Schülerinnen und ein Schüler des JKG lasen aus 'Büchern aus dem Feuer'

(Wolfgang Siebert | 13.05.2010)

Garbsen, 13.05.2010 - Kann man Bücher verbrennen? - Natürlich kann man das, wenn man kein 'Innen' hat, sondern nur 'außen' ist. - Aber Gedanken kann man nicht verbrennen! - ...Gedanken kann man aber vergessen...

Damit das nicht geschieht, lasen am 10. und 11. Mai bundesweit in vielen Bibliotheken junge und ältere Menschen 'Bücher aus dem Feuer'. In der Stadtbibliothek Garbsen waren es am Abend des 11.5.: Melanie Liepe, Zehra Cetin, Rostyslav Brand, Arwena Swiatek, Diana Schwierz und Victoria Campbell. Sie halfen mit Gedanken am Leben zu halten, an denen schon die Flammen der Barbarei züngelten.

Dafür gebührt ihnen Dank und Anerkennung!

Zunächst las Melanie Liepe einen Ausschnitt aus Isaak Babels autobiographischer Erzählung "Die Geschichte meines Taubenschlags", 1925,1931/32, in der es vor dem Hintergrund eines Pogroms an russischen Juden 1905 in Odessa um die Lebenswelt eines Jungen zwischen Ausgrenzung, Gewalt und einer als eng empfundenen jüdischen Familie und Kultur geht.

Isaak Babels Werke wurden nicht nur unter den Nazis verboten, sondern auch in einer anderen Diktatur:
Babel wurde im Zuge des stalinistischen Terrors 1940 in einem Moskauer Gefängnis erschossen. - Obwohl 1954 rehabilitiert, wurden seine Werke in der UdSSR in der Folgezeit bis in die 60iger Jahre hinein immer wieder verboten.


Auch die nächste Autorin,  Agnes Smedley, durfte nicht nur unter den Nationalsozialisten nicht gelesen werden: "Während der McCarthy-Ära verschwanden ihre Bücher und Schriften über sie nicht nur in den USA, sondern auch im Ausland. Noch immer ist es schwierig, Material über sie zu finden." (Zeit online, Die Zeit, Artikel vom 26.11.1976)
Agnes Smedley emigrierte 1949 nach England und starb dort am 6. Mai 1950 nach einer Magenoperation im Krankenhaus.

Zehra Cetin las sehr engagiert aus Agnes Smedley, Eine Frau allein, einem autobiographischen Roman, in dem das Elend der Unterschichten in den USA im ausgehenden 19. Jahrhundert beschrieben wird. Dem zu entfliehen sieht die Autorin nur einen Weg: Bildung und Emanzipation. - Mehr zum Roman im o.g. ZEIT-Artikel.



Rostyslav Brand las einen Text von Jack London aus "Martin Eden". Auch dieser Roman ist stark autobiographisch geprägt.
Er erzählt die Geschichte eines jungen ungebildeten Mannes, der die Liebe eines Mädchens aus einer gesellschaftlich höheren Schicht zu erringen sucht. Dies gelingt ihm auch; er verfeinert seinen Ausdruck und Stil und strebt ein Leben als Schriftsteller an. Nach viel Ablehnung, auch durch Ruth und deren Familie, gelingt der Durchbruch, der ihn, den nun berühmten Schriftsteller, schließlich völlig desillusioniert ...
Die beliebten Jugendromane Jack Londons (Ruf der Wildnis, Wolfsblut) fielen übrigens nicht der Bücherverbrennung zum Opfer.



Arwena Swiatek las aus Alexandra Kollontai, Die Liebe der drei Generationen.
In dem Text geht es um eine gleichberechtigte Liebe zwischen Mann und Frau: Mutter, wenn ich dein Sohn wäre und hätte während meiner Zeit an der Front Spaß mit zwei hübschen Mädchen gehabt, die mir gefallen, hättest du dann auch etwas dagegen...?

Mehr über Alexandra Kollontai und ihr Wirken finden Sie HIER.



Diana Schwierz las aus dem Reisetagebuch aus dem Jahre 1925 "Kongo und Tschad" von André Gide.

Anders als zu seiner Zeit üblich, beobachtet und erkennt Gide die menschenunwürdige Behandlung der Schwarzen Afrikas durch die 'aufgeklärten' Europäer...
Einen ersten Eindruck bietet vielleicht eine Rezension bei Amazon.



Schließlich las Victoria Campbell aus: Ernest Hemingway, In einem anderen Land. Es handelt sich um einen Roman, der das Grauen, den Schmutz, das Sterben und Leiden der Soldaten im 1. Weltkrieg schildert und der ebenfalls auf den Listen der zu verbrennenden Bücher stand.
Der junge US-Amerikaner, der auf Seiten der Italiener an der italienisch-österreichischen Front Sanitätsdienste tut, wird schließlich selbst verletzt und unter unvorstellbaren Verhältnissen notoperiert und in ein Lazarett gebracht, wo er sich in eine Krankenschwester verliebt. Nach einer weiteren Station an der Front desertiert er und soll erschossen werden. Die Flucht gelingt. Das gemeinsame Kind wird schließlich tot geboren, die Geliebte verblutet. „Die Welt zerbricht jeden... die, die nicht zerbrechen wollen, die tötet sie.“


Hintergrund
- aus dem Einführungsvortrag von Sigrid Fährmann-Tubbe, Stadtbibliothek Garbsen -


Vom 10. Mai 1933 an bis in den Juni 1933 hinein fanden im nationalsozialistischen Deutschland vor allem in den Universitätsstädten Bücherverbrennungen statt. Hauptinitiator war die „Deutsche Studentenschaft“, ein Zusammenschluss mehrerer Studentenverbindungen, der bereits seit 1931 von einem Vertreter des Nationalsozialistischen Studentenbundes angeführt wurde. Die „Deutsche Studentenschaft“ hatte im April 1933 ein „Hauptamt für Presse und Propaganda“ gegründet und plante als erste Aktion die „Öffentliche Verbrennung jüdischen zersetzenden Schrifttums durch die Studentenschaft der Hochschulen aus Anlaß der schamlosen Hetze des Weltjudentums gegen Deutschland“ (Zitat).
Zur Verbreitung dieser Idee ließ man am 12. April 1933 „12 Thesen wider den undeutschen Geist“ an allen deutschen Universitäten aushängen. In diesen Thesen wurde gefordert, „den undeutschen Geist aus öffentlichen Büchereien auszumerzen“ sowie „jüdischen Intellektualismus“ zu überwinden. Es hieß: „Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter! [...] Wir fordern von der Zensur: Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung.“

Welche Bücher sollten verbrannt werden?
Der Dt. Studentenbund beauftragte einen Bibliothekar, sein Name war Dr. Wolfgang Herrmann, Listen zu erstellen. Herrmann (geb. 1904) war seit 1931 NSDAP-Mitglied und gehörte ab April 1933 einem Gremium zur Neuorganisation der Berliner Bibliotheken nach der Machtergreifung an. Er hatte bereits 1932 in einer Fachzeitschrift ein erstes Bücherverzeichnis auszusondernder Bücher für Volksbüchereien veröffentlicht. Auf seine Liste kamen Titel, die
- jüdisch waren
- marxistisch oder kommunistisch waren
- zur "Asphaltliteratur" gehörten (Großstadtthemen hatten)
- Literatur, die das Erlebnis der Frontsoldaten "in den Schmutz zog"
- Literatur, die "die sittlichen und religiösen Grundlagen des dt. Volkes untergräbt"
- Schriften zur "Verherrlichung der Weimarer Republik"


Zu welcher Gattung die Literatur gehörte war unerheblich. Auf den Listen finden sich sowohl Romane, Erzählungen, Dramen und Gedichte als auch Sachliteratur und wissenschaftliche Texte.
Praktisch umgesetzt wurde die Verbreitung der Listen so, dass sie an die örtlichen Studentenverbindungen verschickte wurden, später wurden sie auch veröffentlicht (sogar im Börsenblatt des Dt. Buchhandels). Die Studenten sollten die Literatur im Vorfeld des 10. Mai 1933 sammeln (sowohl im eigenen Buchbestand und in dem von Bekannten, als auch in Buchhandlungen, öffentlichen und kommerziellen Leihbibliotheken). Nach Einbruch der Dunkelheit fanden dann die Verbrennungen statt, begleitet von Fackelzügen, Reden und Schandsprüchen.

In Hannover startete die Aktion um 20.30 Uhr mit einem Fackelzug ab Königsworther Platz durch die Innenstadt. Verbrannt wurden die Bücher am/auf dem Bismarckturm (unklar) in der Aegidienmasch, das ist heute im oberen Teil des Maschsees auf Höhe der Geibelstraße (der Turm musste 1935 dem Bau des Machsees weichen).

Die Aktionen der Bücherverbrennungen durch die Studenten waren nur ein Anfang, d.h. nationalsozialistisch unerwünschtes Schrifttum wurde danach zwar nicht mehr verbrannt, aber in Buchhandlungen und Bibliotheken beschlagnahmt. Listen unerwünschter Bücher wurden in der Folgezeit fortlaufend ergänzt, zunächst vom "Kampfbund für deutsche Kultur" (Amt Rosenberg), dann vom Propagandaministerium unter Goebbels. Sie wurden regelmäßig veröffentlicht und umfassten schließlich 12.400 Titel und das Gesamtwerk von 149 Autoren.

Für unsere Lesung heute haben wir wieder Titel gewählt, die sich unter einem Aspekt zusammenfassen lassen. Wie haben ja bereits die Werke sehr bekannter Autoren gelesen oder nur Werke von Schriftstellerinnen. Dieses Mal sollen es Autoren sein, die gar keine Deutschen waren. Auf der Liste von Herrmann standen insgesamt 37 fremdsprachige Autoren, die am leichtesten mit den Kennzeichen „sozialistisch, jüdisch und pazifistisch“ zu charakterisieren sind. Es handelte sich um 21 sowjetische Autoren (z. B. Maxim Gorki, Ilja Ehrenburg), acht US-Amerikaner (darunter Upton Sinclair, John Dos Passos, Jack London), drei Tschechen (so Jaroslav Hašek), zwei Ungarn, ein Franzose, eine Polin und ein Japaner.
Im Vergleich zu den in Deutschland lebenden Autoren konnten fremdsprachige Verfasser selbstverständlich in ihrem Heimatland weiterpublizieren und waren in ihrer Arbeit nicht so eingeschränkt, zumindest nicht bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs und dem deutschen Angriff auf die Nachbarländer. Trotzdem sind diese Autoren ein Beweis, wie bedroht sich das NS-Regime fühlte und wie rigoros man bei der Unterbindung unerwünschter Ideen vorging.


'Bücher aus dem Feuer' 2007 (Mit Textauszügen)