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Die Lehrerrede zur Abiturfeier 2016

(Wolfgang Siebert | 14.09.2016)

Garbsen, 14.09.2016 - Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern und Großeltern, darunter meine ehemaligen Schüler, liebe Kolleginnen und Kollegen und liebe Gäste,

Wie ihr seht, habe ich mich für meine gewöhnliche Dienstkleidung entschieden: dezentes Grau, ausgebuffte ALDI-Jeans, vollstopfbarer Kik-Blouson, gut belüftete Sandalen, immer beschränkt auf die gesetzliche Auflage und die thermische Funktion, praktisch alles am Abend für den nächsten Morgen bereit gelegt.

Alles in allem eine ins Auge fallende Eleganz von - wie mir bereits vor Jahren von einer Schülerin versichert wurde, ich zitiere wörtlich: „zeitloser Beschissenheit“.
Auf diese Weise war mir im Kleidungsranking der Abiturienten der erste Platz alljährlich sicher, bis ich vor drei Jahren erleben musste, mir diesen Platz mit einer Kollegin, die bald wieder unter uns weilen wird, teilen zu müssen.

Im Kontrast dazu beherbergte dieses Outfit einen schwankenden Inhalt, so zwischen 71,5 kg und 120 kg, wurde überragt von einem Bart, mal an, mal ab, und Haaren, mal lang, mal kurz, aber immer weniger und immer weißer. -
Dieses Outfit fand sogar eine literarische Würdigung: in der ehemaligen Schülerzeitung des JKG. In „Die Feder“ ist folgende Glosse zu lesen:

Die Jacke
Weithin bekannt ist das JKG nicht erst seit der ProWo durch besonders umfassende Kunsterziehung. - Damals wurde in Zusammenarbeit eines Leistungskurses Kunst mit dem Braunschweiger Künstler Neuenhausen die Kepler-Fassade kreiert, auch der Lehrkörper ist berühmt. Modebewusst, adrett , anspruchsvoll und immer wieder durch besondere Aktualität Akzente setzend, präsentiert sich unser Kollegium. Vom Kollegen Aick gefolgt, ihm aber weit voraus, hebt sich besonders ein Pädagoge hervor, mit immer neuen Kompositionen, bestehend aus einem dezent gräulichen Oberteil in liebevoller Antik-Optik, tiefschwarzem rustikal geschnittenem Beinkleid von edelster Güte und geradezu perfekter Passgenauigkeit und - man glaubt es kaum - braungraue Sandalen, klassischer Form im brandaktuellen fade-out-look:
Der berühmt-berüchtigte Trendsetter Waltemathe, sportlich, apart, modisch immer seiner Zeit voraus. Dieser Meister des abwechslungsreichen Bekleidens präsentierte jetzt seine diesjährige Wintermode.
Bestes und einziges Stück der neuen Collection ist eine edelsportive Jacke, stilvoll in Graugrün gestaltet, eine gelungene Kreation mit Multifunktionstaschen, attraktiven Details und einer äußerst interessanten Optik. Ein Unikat von besonderem Wert, perfekt verarbeitet, stets hochaktuell im Design und extravagant kombiniert.
Ein echter Klassiker, figurbetonend und von hohem Tragekomfort.


Wie wohltuend habe ich da mich abgehoben von der Farbenfreudigkeit mancher Kolleginnen, besonders von derjenigen mit dem Geburtsnamen Malinowski.
Bedauerlicherweise gab es anlässlich des 25. Jubiläums der Schule eine Meinungsverschiedenheit bezüglich angemessener Kleidung zwischen dem Schulleiter und mir. Der Klügere gab nach: der Schulleiter persönlich holte das angemessene Outfit von mir zu Hause, in Döhren, ab.

Nun, wie Sie sehen, ist das heute nicht nötig, ich kann auch anders, wenn ich denn muss. Und heute musste ich ja wohl müssen, denn schließlich sind wir hier und heute zusammen gekommen, um euch junge bewiesenermaßen kenntnisreiche Leute feierlich und festlich in die Zukunft zu entlassen. Ich habe sogar noch eins draufgesetzt, nämlich den passenden Kopf. Denn heute, liebe Abiturientinnen und -enten, ist euer Tag, Schule ist endgültig aus, ihr habt das Abitur ergattert.

Wisst ihr eigentlich, wem ihr diesen wochenlang durchlittenen Stress zu verdanken habt? Hoffentlich nicht, denn sonst ist der Hauptteil meiner Ausführungen überflüssig! Ich möchte euch nämlich eine winzige Geschichte des Abiturs erzählen.

Was viele von euch gar nicht wissen ist, dass ich nicht nur leidenschaftlich das Fach Mathematik unterrichte, sondern auch - wenn auch als Rarität - das Fach Geschichte. Das ist eine Super-Kombination, mit der ich nun zum letzten Mal eure geistigen Fähigkeiten herausfordern möchte, und zwar mit einer historischen Subtraktionsaufgabe.

Also aufgemerkt: Zu welchem historischen Ereignis gelangt man, wenn man vom heurigen Jahre 2016 228 Jahre subtrahiert? Gemeint ist die Wenigerrechnung.

Die Älteren unter Ihnen werden die Berechnung in einer Sekunde abgeschlossen haben. - Die Abiturienten werden so ganz ohne Taschenrechner wohl etwas länger brauchen.

Na? Wer hat s raus? Wo bleiben denn die Finger?


Na Also: 1788
Was war denn da?
Friedrich der Große kann es nicht sein. Der hatte schon zwei Jahre zuvor das Zeitliche gesegnet.

Apropos Friedrich der Große. Ich fühle mich ihm sehr verbunden. Warum wohl? Sie können gerne mit Ihren Nachbarn ihre Vermutungen austauschen. - Etwa als Geizkragen? Oder als Frauenfeind? Oder als Kettenraucher? Oder wegen des Beinamens? Weit gefehlt: Friedrich war 46 Jahre im Amt als König und ich war nach Behördenzählung 46 Jahre im Amt unter Königen. So es die Gottgleichen wollen, werde ich ihn zufrieden im November 2016 sogar um ein ganzes Jahr übertrumpfen.

Liebe Abiturienten und liebe Gäste, in wenigen Tagen vollende ich nach Ende der Ausbildung das 40. Jahr meiner Tätigkeit am JKG und bin damit ein äußerst seltsames Fossil.

Abweichend von mir schuf Friedrich das Fundament des Preußischen schlechthin, also einen Staat, in dem immer jemand bereit stand, auf die Einhaltung aller Rechts- und Verwaltungsvorschriften - auch der spontan erfundenen - zu achten.


Nun zurück zum Jahr 1788 und zu dem denkwürdigen bis zum heutigen Tag folgenschweren Ereignis, unter dem ihr, liebe Abiturientinnen und -enten, jüngst noch habt leiden müssen:

In diesem Jahr nämlich erließ Friedrich Wilhelm II., Friedrichs nachfolgender Neffe, das königliche Edikt „Reglement für die Prüfung an den Gelehrten Schulen“, und zwar - mit wahrhaft königlichem Sinn für humorvolles Timing - als wahres Weihnachtsgeschenk für die bildungsbeflissene Jugend am 23. Dezember 1788.

Die Begründung dieser Maßnahme klingt allerdings nicht antiquiert, sondern durchaus zeitnah.
Denn aufgrund langjähriger negativer Erfahrungen war der Kanzler der Universität von Halle richtig sauer geworden und beschwerte sich darüber, dass viel zu viele Nichtskönner die Vorlesungen bevölkerten. Wörtlich schrieb er 1787 Folgendes:
Nämlich, „dass sich unter den jungen Leuten, welche die Universität besuchen, beständig eine nicht geringe Anzahl von Subjekten befindet, die nicht allein in den gelehrten Sprachen - (gemeint sind Latein und Griechisch) -, sondern auch in den übrigen noch wichtigeren Kenntnissen, die sie von der Schule mitbringen sollten, so unwissend sind, dass ihre Unwissenheit bald Mitleid, bald Widerwillen erregen muss.“

Das klingt ja geradezu so, als sei der Geisteszustand in den hochgepriesenen guten alten Zeiten gar nicht so viel höher gewesen, als die zeitgenössischen Pisa-Ergebnisse dokumentieren.

In der Praxis stellte sich heraus, dass dann doch nicht so hart durchgegriffen wurde. Um die Chancengleichheit nicht allzu abrupt herzustellen, mussten nur die studierwilligen Kinder ökonomisch benachteiligter Eltern das Abitur bestehen, um an ein Stipendium zu kommen. Hinsichtlich des Nachwuchses von finanziell Bessergestellten hoffte man weiterhin, dass sich die berühmte nordische Spätreife allmählich als Learning by Doing einstellen werde.

Bei einem solchen Procedere wäre ich den dahingegangenen Pennälern als Mathematiklehrer wohl erspart geblieben.
Und ihr - ihr habt in dieser Hinsicht die Gnade der späten Geburt erfahren dürfen - womit ich in aller Bescheidenheit auf die Durchschnittsnoten gewisser Mathe-Kurse der letzten Jahre verweisen möchte.

Zurück ins Jahr 1788ff.
Es ging also auch bei den Preußen anfangs nicht ganz ohne einen gewissen herkunftsbezogenen bzw. geldaristokratisch motivierten Schlendrian ab, allerdings nur 46 Jahre lang, denn im Laufe der Zeit quollen die Universitäten über und der Staat wusste nicht wohin mit all diesen qualifizierten Leuten. Eine Horrorvorstellung, dass sich zu dem gewöhnlichen Proletariat auch noch ein akademisches Proletariat gesellen könnte.
Der Akademikerschwemme sollte Einhalt geboten werden. Da musste das Edikt von 1788 erneut herhalten, denn -genau wie heutzutage - brauchte es kein weiteres Gesetz, das vorhandene musste nur strikt angewendet werden.
Und das tat man ab 1834, denn nun hatte jeder gymnasiale Sprössling, ob arm , ob reich, ob adlig oder bürgerlich, ein bestandenes Abitur nachzuweisen.

Welch ein Schock!!
Aber nicht doch, der geistige Vater der Maßnahme, der Freiherr Karl vom Stein zum Altenstein, hatte pädagogische Bedenken, der Jugend à la Holzhammermethode allzuviel zuzumuten. Daher gab er folgende Empfehlung:

„Gleichzeitig werden die Lehrer angehalten, die einzelnen Anforderungen an die Abiturienten so zu ermäßigen, dass jeder Schüler von hinreichenden Anlagen und von gehörigem Fleiß der letzten Prüfung mit Ruhe und ohne ängstliche Vorbereitungsarbeit entgegensehen kann.“

Was sagt ihr dazu? Verglichen mit heute das reinste Kuschelabitur. Denkt nur an die diesjährige Abi-Klausur in Mathe!!!

Dann gab es sie also doch, die guten alten Zeiten.

Zur Zeit der Weimarer Republik wäre es beinahe noch schülerfreundlicher gekommen. Auf der Reichsschulkonferenz von 1920 wurde doch tatsächlich von besonders fortschrittlichen Mitgliedern die Forderung gestellt, die Abiturprüfung vollständig abzuschaffen, und zwar mit folgenden wahren Worten:

„Die Reifeprüfung ist alsbald aufzuheben, da die Erfahrungen der Lehrer im gewöhnlichen Unterricht weit zuverlässigere Maßstäbe für die Reife der Schüler und Schülerinnen bieten als die Zufälligkeiten einer das Nervensystem der Prüflinge ganz unnötigerweise belastenden Zwangs- und Schemaprüfung.“

Das waren noch Pädagogen: verantwortungsvoll, dem Seelenheil des Abiturienten verpflichtet! Aber nicht genug des Mitgefühls: der Individualität eines jeden Abiturienten sollte Genüge getan werden. Daher sollte der Abiturient durch „hinreichende Wahlfreiheit“ selbst seine Prüfungsfächer zusammenstellen.

Nicht nur Kuschelabitur, sondern Traumabitur!
Ob es dann wohl noch Mathematik im Abitur gegeben hätte?

Und was beschloss die Reichsschulkonferenz im Jahre 1920?
Aus der Traum!!!
Man entschied sich für die Beibehaltung der Abiturprüfung, und zwar deshalb, weil die Prüfungen eine „ausgesprochen demokratische Tendenz“ zeigen, denn durch sie stünden das Studium und damit alle Staatsämter allen Begabten offen.

So ganz versickerten die großartigen Ideen der fortschrittlichen Pädagogen von1920 jedoch nicht. Gut 50 Jahre später, 1972, wurde die Wahlfreiheit der Prüfungsfächer weitgehend realisiert. Wer wollte, konnte das Abitur mit den vier Prüfungsfächern Kunst, Sport, Musik und Religion bestehen. Wie das mit Super-Angeboten heutzutage so ist, bestand auch dieses nur für kurze Zeit.

Laut Chronologie müssen wir nun die Verflachung des Bildungsgedankens während des Dritten Reiches zur Kenntnis nehmen. Da das selbstständige Denken von Staatswegen für schädlich eingestuft wurde, schränkte man es durch Neuerungen wie Pflichtprüfungen in Vererbungslehre und Rassenkunde, durch das sogenannte Puddingabitur für das schwache weibliche Geschlecht und nicht zuletzt alle Gymnasiasten umfassend durch die Herabsetzung der Schuldauer von 13 auf 12 Schuljahre ein.
Oder war das etwa ein Zeichen von bildungspolitischer Modernität??

Dann kam das Jahr 1945 - und alles wurde anders??? Pustekuchen! Nachdem in allen vier Besatzungszonen die Bildungsoffiziere sich gründlich informiert und auseinandergesetzt hatten, blieb im Grunde alles beim Alten, es blieb beim dreigliedrigen Schulwesen und es blieb bei der Abiturprüfung.

Aus der enormen Fülle der bildungs- und schulpolitischen Maßnahmen der folgenden 71 Jahre möchte ich nur wenige herausgreifen, die auch für mein verehrtes Publikum von Interesse sein dürften.

Da ist zunächst 1955 das Düsseldorfer Abkommen, das u.a. den Schuljahresbeginn vom Ende der Sommerferien auf den Ostertermin verlagerte, so dass damals künftige Abiturienten als Osterküken eingeschult wurden.
Ich selbst war 1957 ein solches Osterküken.

Bereits drei Jahre später, 1958, schrieb man im Tutzinger Maturitätskatalog die Abituranforderungen fest. Beurteilt selbst, was euch damals erwartet hätte:

„Einwandfreies Deutsch, Verständnis einiger Meisterwerke, zwei Fremdsprachen (davon eine Latein oder Französisch),
Elementarmathematik,
Hauptphänomene der Physik,
Liebhabermäßiges Betrachten der anschaulichen Natur,
Geschichte ab der Französischen Revolution,
Philosophie-Propädeutik,
Orientierung über die Christenlehre.“

Da wusste man doch präzise, woran man war. Biologie wäre wahrscheinlich Lieblingsfach geworden.

Das Jahr 1960 brachte mit den Saarbrücker Rahmenvereinbarungen den Schülern eine wesentliche Erleichterung, das Stufenabitur. Nun konnte man eines der Prüfungsfächer am Ende von Klasse 12 als Vorabitur absolvieren.
Ich: Französisch. Merveilleux!!!


Das Jahr 1961 ist besonders zu vermerken, denn nun war der 10jährige Armin Waltemathe nach bestandenem Probeunterricht als hinreichend begabt und intelligent befunden worden, das Gymnasium besuchen zu können. Er wagte sich auf die hannoversche Goetheschule, die er erstaunlicherweise ohne Dublette hinter sich brachte. Das unschuldige Gemüt, das den Zehnjährigen auszeichnete, wurde von seinem damaligen Mathematiklehrer später generalisierend so beschrieben: Es war die Zeit, in der ein dreijähriger Junge noch nicht wusste, was ein Kondom ist.
Die reibungslose Absolvierung der Goetheschule verdankte er dem glücklichen Zufall der sogenannten Kurzschuljahre, die es wahren Pädagogen verboten, allzu rigorose Benotungen durchzusetzen.

Zum besseren Verständnis der Situation kehren wir zurück ins Jahr 1955, zum Düsseldorfer Abkommen. Sie erinnern sich? Der Ostertermin!

Damals nämlich war Bayern als einziges Bundesland beim Schuljahresende Ende der Sommerferien geblieben. Schon damals verfügten die Bayern über ein beharrliches Durchsetzungsvermögen. 1966 wurde das Schuljahresende erneut bundesweit verlagert, nämlich auf den alten Termin. Um mit Bayern termingleich zu werden, ließ man kurzerhand 1966/67 zwei Kurzschuljahre stattfinden, wodurch den Schülern der Stoff von zwei Jahren in nur etwas mehr als einem Jahr verklickert werden mussten, wurden eben Defizite in Kauf genommen und es fanden eben diese Mitleidsversetzungen statt, von denen der Sekundaner Wa glücklicherweise profitierte.
Vielleicht ist einigen von Ihnen nun einiges klarer geworden.

1972 geschah Wesentliches, eine grundlegende Änderung trat ein, von der ihr bis heute, wenn auch mit ständig abgeänderten Details gezehrt habt: Die reformierte Oberstufe wurde eingeführt mit Leistungs-, Grund- und Pflichtkursen, Einbeziehung der Oberstufennoten in die Abiturgesamtnote und - wie oben gesehen für einen kurzen Zeitraum - sogar die Wahlfreiheit der Prüfungskurse im Abitur.

Dass die Reform der reformierten Oberstufe zur beständigen Einrichtung geworden ist, erleben wir als Schulpublikum fortwährend.

Und wer glaubt, dass die Einführung des Zentralabiturs 2006 die letzte Änderung im Gymnasiastenleben sei, der ist bereits heute eines Besseren belehrt, denn es folgte die Kürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Schuljahre und vor kurzem die reuevolle Rückkehr zu 13 Schuljahren.

Aber das braucht euch nicht weiter zu beunruhigen, denn eh ihr euch als Eltern erneut mit Schulbestimmungen beschäftigen müsst, ist sowieso alles gaaaaaanz anders.

Aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nahe ist. Und das Gute ist ja wohl euer bestandenes Abitur, das gemeinsam gefeiert werden will. Damit bei der Gemeinsamkeit keine Distanz aufkommt und um mich vor Sensationsfotos zu schützen, schlüpfe ich schnell wieder in meine bekannte Schulhaut und wünsche euch als euer Wa eine coole Feier.

Armin Waltemathe